Belorado

„In der Garage hat es noch Platz“ *)

Auf meiner grossen Pilgerfahrt per Fahrrad anlässlich meiner Pensionierung im Jahre 2004 habe ich mit meinem Pilgerkollegen Hans in Belorado übernachtet. Im Vortag waren wir in Viana, einem Ort noch in der Provinz Navarra. Zu meiner grossen Überraschung gab es in der Herberge am Hauptplatz von Viana keine Betten, und wir lagen auf dünnen Matten am Boden. Ich habe ganz bewusst „lagen“ geschrieben, denn schlafen konnte ich nicht.

Am nächsten Tag, bei Prachtwetter, aber mit Blei in den Knochen, durchquerten wir das Rioja-Gebiet und kamen über Santo Domingo de la Calzada nach Belorado. Teils fuhren wir auf dem Camino, hautsächlich aber auf der asphaltierten N-120 mit ihren vielen Steigungen. Ganz neugierig auf die von Schweizer Helfern betreute Herberge, erreichten wir am späten Nachmittag endlich Belorado. Als Velofahrer kommt man nicht automatisch bei der Herberge vorbei. Wir mussten uns erst mal dahin durchfragen. Mehrere Anläufe waren nötig, bis wir endlich jemanden fanden, der unser Spanisch verstand. Aber dann standen wir doch vor der uns beschriebenen Kirche und der daneben liegenden Herberge. Der erste Eindruck war etwas enttäuschend. Der Eingang in die Herberge sah aus, als führe er in die Sakristei. Aber ein Muschelzeichen, ein gelber Pfeil und die Aufschrift „Albergue de peregrinos“ gaben uns Gewissheit: Wir sind da!

Kirche und Herberge in Belorado

Herberge neben der Kirche

Der Empfang war sehr herzlich, und wir konnten uns auf Deutsch verständigen – welche Wohltat! Da standen wir nun mitten in der Herberge, sahen den grossen, gemütlichen Tisch, die kleine Küche, in der schon emsig gekocht wurde. Doch wir freuten uns zu früh, denn die Herberge war längst überfüllt, und für uns gab es keinen Platz mehr. Im Wechselbad der Gefühle ging es aber rasch wieder aufwärts, als man uns mitteilte: „In der Garage hat es noch Platz“. Diese Notunterkunft war ganz in der Nähe. Es war tatsächlich eine Garage mit einem richtigen Garagentor. Statt Autos waren jede Menge Stockbetten darin. So dürftig es aussah und so primitiv die Unterkunft war, so gross war meine Freude nach der letzten Nacht über ein echtes Bett. Das Kopfkissen empfand ich als besonderen Luxus.

Auf Empfehlung des Herbergsbetreuers genehmigten wir uns das verdiente Bier im Restaurant am Hauptplatz. Im ersten Stock gab es dort für uns Pilger ein vorzügliches Pilgermenü. Am Abend bestiegen wir noch den Hügel hinter der Herberge, und ich fotografierte die Störche, die auf der Kirche nisteten. Die Nacht durch schlief ich tief und fest in einem richtigen Bett mit Kissen. Herz, was willst du mehr! Ich brauchte auch keine Ohrenstöpsel, ich hatte mich bereits an das Pilgerleben gewöhnt. Ob rings um mich geschnarcht wurde? Ich weiss es nicht. Was ein Logenplatz im Theater, war für mich der Schlafplatz in der Garage!

G.E.

In der Garage

*) Artikel in der Schweizer Zeitschrift Ultreïa No 45 - Mai 2010, der Freunde des Jakobswegs