× Home Reisen
Pilgerthemen
Gedanken zum Pilgern Wie werde ich ein Pilger? Galgen- u. Hühnerwunder Die Heilige Fides Jakobus Legenden Wie wirkt Jakobus Geschichten und Erlebnisse Tipps für Radfahrer Ultreïa
Jakobswege
Deutschland Österreich Schweiz Frankreich Spanien
Geschichte(n) Interessantes Was gibt's Neues
☰ Auswahl

Der wahre Jakob – Was wir über den Apostel Jakobus wissen

Was wissen wir über den Apostel Jakobus? Befindet sich sein Grab tatsächlich in Santiago de Compostela? Ruhen seine Gebeine wirklich in dem Gehäuse unter der Jakobsstatue, die wir Pilger in der Kathedrale umarmen?

Der Jakobus der Bibel

Jakobus der Ältere war der Sohn des Fischers Zebedäus und der Salome sowie der ältere Bruder des Jüngers Johannes. Der Name „Jakob" bedeutet „Gott schützt". So wie sein Vater und sein Bruder Johannes war auch er Fischer am See Genezareth in Galiläa. Er arbeitete gemeinsam mit Andreas und Simon Petrus (Mt 4,21 und Lk 5,10). Jesus gab den zwei Brüdern Johannes und Jakobus wegen ihres Eifers den Beinamen „Boanerges", („Donnersöhne", Mk. 3,17). Jakobus zählte neben seinem Bruder und Petrus zu den drei bevorzugten Jüngern, die bei der Verklärung Jesu und in seiner Todesangst im Garten Gethsemane zugegen waren. Nach der Auferstehung befindet sich Jakobus mit den anderen Aposteln in Jerusalem (Apg. 1,13). Der Überlieferung nach verkündete er nach Pfingsten in der Gegend von Samaria und Jerusalem das Evangelium, bevor er durch König Herodes Agrippa I. von Judäa ums Jahr 44 enthauptet wurde. Jakobus gilt als erster Märtyrer unter den Aposteln (Apg. 12,1-2).

Jerusalemer Überlieferung

In Jerusalem steht die Jakobskirche angeblich an der Stelle seines Martyriums. Im Jahr 70 seien seine Gebeine auf den Sinai ins Jakobskloster, das heutige Katharinenkloster, gebracht worden. Aus Angst vor dem Islam sollen Mönche die Gebeine nach Spanien überführt haben, wo man sie in der Kirche Santa Maria in Merida verwahrte. Als die Moslems im Jahre 711 Spanien überrannten, soll der Leichnam da, wo heute die Kathedrale in Santiago steht, vergraben worden sein.

Spanische Überlieferungen

Im 9. Jahrhundert entstehen auf der Iberischen Halbinsel die ersten Jakobslegenden, denen zufolge Jakobus in Spanien gepredigt habe. Im Jahre 43 sei er nach Jerusalem zurückgekehrt. Davon ist allerdings in spanischen Chroniken bis 800 nichts zu finden. Jakobus wird nirgends erwähnt.

Der Legende nach wurde um das Jahr 830 das Grab des heiligen Jakobus in Galicien „entdeckt". Also bedurfte es einer Erklärung, wie der Leichnam nach Spanien gelangte. Dazu gibt es verschiedene Varianten der sogenannten Translatio-Legende, die allesamt auf einem Wunder basieren.

Der Bericht der Translatio (Überführung des Leichnams) hat sich aus verschiedenen Elementen im Laufe des 11. Jahrhunderts herausgebildet. Die Überlieferung wurde in den Liber Sancti Jacobi (verfasst zwischen 1139 und 1173), in die Historia Compostelana (vollendet 1139) und danach in Legendensammlungen, wie z.B. die Legenda Aurea (ca. 1263 entstanden), übernommen.

Als die europäische Pilgerbewegung nach Santiago im 10. Jahrhundert ihren Anfang nahm, waren die wesentlichen Komponenten der spanischen Überlieferungen ausgebildet. Über die Martyrologien (Heiligenkalender) und andere liturgische Schriften verbreiteten sie sich – wie später über den Liber Sancti Jacobi und die Legendensammlungen – im gesamten Westen Europas. Sie gaben Kunde vom wieder aufgefundenen Jakobsgrab, das dank günstigen Umständen bald Pilger aller Gesellschaftsschichten in Scharen nach Santiago lockte.

Archäologische Funde

Im Jahre 1878-79 wurden unter dem Chor der romanischen Kirche Ausgrabungen durchge­führt. Sie galten den verschollenen Gebeinen des heiligen Jakobus. Dabei wurden Grab­kammern entdeckt. Diese enthielten Gebeine von drei Körpern. Es gibt weder Indizien für noch gegen die Annahme, dies könnten die Gebeine des Apostels Jakobus und zweier seiner Schüler (Athanasius und Theodor) sein. Es sind Knochen, die man wohl im 17. Jh. – um sie zu schützen – versteckt und später vergessen hat.

Jüngere Forschungen ergeben folgendes Bild: Die romanische Kathedrale steht genau über zwei Nekropolen, einer aus dem 5.–7. Jahrhundert und einer aus dem 9.–12. Jahrhundert. Der wichtigste Fund sind Reste eines sogenannten Jakobs-Mausoleums, das aber wahrscheinlich aus der asturischen Zeit um 900 stammt. Ein monumentaler römischer Mausoleumsbau mit den in den Legenden erwähnten Marmorsteinen konnte jedenfalls nicht nachgewiesen werden.

Andere Jakobus-Legenden

Nachdem der Kern der Translatio-Legende von der Überführung des Leichnams nach Spanien abgeschlossen war, entstanden weitere Legenden um Jakobus: Legenden, die vorwiegend sein Wirken zu seinen Lebzeiten zum Inhalt haben. Ein bekanntes Beispiel ist die Legende vom Zauberer Hermogenes, den Jakobus überwand, von Dämonen befreite und dessen Zauberbücher er ins Meer werfen liess. Eine andere Legende rankt sich um den Märtyrertod des Jakobus: Auf seinem Weg zur Richtstätte soll Jakobus einen Lahmen geheilt haben. Josias, ein Schriftgelehrter, der Jakobus im Auftrag des Hohenpriesters Abiathar zum Richtplatz führte und ihm den Strick um den Hals legte, wollte, durch die Heilung des Lahmen bekehrt, ebenfalls Christ werden. Am Richtplatz soll Jakobus den Henker um eine Flasche Wasser gebeten haben in der Absicht, Josias zu taufen. Darüber erzürnt, liess darauf Abiathar Josias zusammen mit Jakobus enthaupten.

Eine andere Legende berichtet, dass der Fels am Ufer, wo das Boot mit dem Leichnam des Apostels gestrandet war, sich von selbst über ihm geschlossen habe und so zum natürlichen Sarkophag für den Heiligen geworden sei. Nach einer weiteren Legende sollen wilde Rinder sich plötzlich besänftigt haben, als man sie den Wagen mit dem Sarkophag des Jakobus zu ziehen zwang. Nach derselben Legende blieben die Rinder mit dem Wagen an der Stelle stehen, wo später die Wallfahrtskirche in Compostela gebaut wurde.

Verbreitet ist auch die Überlieferung, wonach Jakobus nach dem Pfingstfest nach Spanien gegangen sei, dort gepredigt, Jünger angeworben und prophezeit habe, er werde nach seinem Tod Unzählige bekehren. Er hatte jedoch so wenig Erfolg, dass er eines Tages mutlos und verzweifelt im Gebiet des heutigen Saragossa am Ufer des Ebro gesessen habe. Als er den Entschluss gefasst habe, die Mission abzubrechen, soll ihm die Jungfrau Maria auf einer Säule erschienen sein und ihn ihrer Unterstützung versichert haben. Diese Säule existiert heute noch in der Basilica del Pilar in Saragossa

Saragossa, Basilika

Sein Grab soll nach seinem Tod in Vergessenheit geraten sein, bis sich Jakobus dem Eremiten Pelagius offenbarte. Dessen „Entdeckung" auf dem sogenannten „Sternenfeld" („Compostela") fiel in eine Zeit, in der sich die asturische Kirche mit ihrem Bischof Theodemir gegen die westgotische Kirche von Toledo zu profilieren suchte. Theodemir legte den Grundstein für die Jakobskirche. Um diesen Ort entwickelte sich die Stadt Santiago de Compostela, die bald zu einem Eckpfeiler Europas im Mittelalter wurde. Im Zuge der Rückeroberung Spaniens von den arabischen Besatzern fiel Jakobus eine neue Rolle zu: Er galt jetzt als Santiago „Matamoros", als berittener Schlachtenhelfer und „Mauren­töter". In der Schlacht von Clavijo (844) stürmte Jakobus auf dem Pferd dem Heer gegen die Mauren voran.

Leonardo da Vinci: Jakobus

Der Geist des Jakobus

Wissenschaftlich lässt sich Jakobus in Santiago nicht nachweisen. Trotzdem pilgern Aber­tausende jedes Jahr zum angeblichen Grab des Apostels. Ein Widerspruch?

Im Mittelalter verband sich der Glaube stärker als heute mit magischen Vorstellungen. Die Menschen wollten den Reliquien der Heiligen räumlich nahe sein, sie sehen, sie berühren. Reliquien waren wichtig; die Gläubigen verehrten sie, ohne nach deren Echtheit zu fragen.

Für uns heutige Pilger ist nicht entscheidend, ob im „Jakobsgrab” wirklich die Reste des Apostels ruhen. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Legenden haben die Pilger in all den Jahrhunderten den Apostel Jakobus nach Santiago projiziert. Dort ist er für uns gegenwärtig. Es ist sein Geist, den wir am Weg und besonders in Santiago spüren. Jakobus ist für uns gleichsam die Brücke zur Begegnung mit Gott.

Gerhard Eichinger